Frech und frei
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Frech und frei

Das Buch zu „50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung“ war ein Mitbringsel zu Claudias Geburtstag in 2026, bei dem sich eine Reihe von Menschen mit und ohne Behinderungen in ihr Lieblings-Eiscafé bewegten. Noch immer gibt es die Probleme mit dem nicht barrierefreien ÖPNV, inzwischen mit vorhandenen Rampen, die jedoch keineswegs in der Mehrzahl der Fälle so selbstverständlich ausgelegt wurden, wie es nicht betroffene Menschen manchmal annehmen. Natürlich stimmt die Bahnsteighöhe bei der Straßenbahn dort an einer zentralen Umsteige-Haltestelle nicht zu den Vorgaben der DIN 18040-3. Natürlich sind Behinderten-Toiletten keine Selbstverständlichkeit bei privaten Anbietern und natürlich sind öffentliche Behindertentoiletten wie dort nicht in Übereinstimmung mit der seit Jahren geltenden DIN 18040-1. Natürlich wurde sperriges, kaum nachvollziehbares Verhalten bei Behörden und Krankenkassen zum Beispiel bei der Versorgung mit Hilfsmitteln angesprochen. Deutschland im Jahr 2026.
Es wurden auch anstehende Termine angesprochen, bei denen Belange der Menschen mit Behinderungen sichtbarer gemacht werden sollen. Außerdem war die Bewirtung und die Qualität vom Eis wie dort bisher immer überzeugend. So gesehen: es ist nicht immer alles verkehrt.
Das Buch erzählt vom Widerstand einer sich entwickelnden Selbstbestimmt-Leben-Bewegung seit Mitte der 1970er-Jahre und ist bebildert mit Plakaten, Flugblättern und Zeitungsartikeln. Neben vielen anderen Themen kommt die Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr vor. Nicht bei vielen Menschen ist in Erinnerung, wie die Politik zum Beispiel in Bremen das Thema „voran“ brachte: natürlich nicht, indem sie im Interesse der Menschen mit erheblich eingeschränkter Mobilität agierte. Das war damals wie heute; von sich aus passiert so gut wie nichts. Zwar waren Stadtbusse und Straßenbahnen damals nicht im Rollstuhl zugänglich, dafür aber wurde beim von der Fahrzeugflotte her schon nicht ausreichenden Behindertenfahrdienst nach Regelungen aus 1976 Kürzungen vorgesehen. In Hamburg war vier Wochen vor einer Fahrt im Stadtgebiet anmelden damals natürlich. Also sollten Kürzungen vorgenommen werden, nicht an der Zeit, sondern am „finanziellen Aufwand“. Es kam zu Protest-Aktionen. Zitate aus dem Buch bezogen auf Bremen: „Die örtlichen Medien reagierten verwirrt und gingen von Protesten gegen Fahrpreiserhöhungen aus, die Politik übte sich in Ignoranz“ und zum ständigen Geplänkel einiger Politiker „Sie wußten eigentlich gar nicht so recht, um was es eigentlich geht“.
An meine damalige, eigene Reaktion zu einem der im Buch erwähnten behindertenfeindlichen Gerichtsurteile erinnere ich mich noch immer, dem aus Frankfurt am Main zum Reisemangel „Behinderte im Hotel“. Damals war ich noch am Anfang meiner Ausbildung im Öffentlichen Dienst. Das Buch listet mehr solcher Urteile der Justiz.
So wie sich die Thematik für die Menschen mit Behinderungen derzeit darstellt, wird eine Zusammenfassung nach weiteren 50 Jahren Sinn machen. Nur bringt die den jetzt zu wenigen Aktiven wenig. Immerhin ist dieses Buch zu einer Zeit erschienen, zu der man sich damit beschäftigen sollte, wie es weiter gehen müßte. Woher das Menschenbild stammte, das so viele Jahre Fortschritte ausbremste, wird ungern gesagt und gehört und doch vor denen gewarnt, die es vertreten. Zu jeder Zeit werden die, die ein Thema nicht für wichtig halten, auf Themen verweisen, die ihnen wichtiger sind. Von daher ist für das, was man als Behindertenbewegung bezeichnete und irgendwann wieder bezeichnen kann „Abwarten und Tee trinken“ (oder Eis essen) allein nicht die Lösung.

Udo Sierck, erschienen 2024, 152 Seiten, 13,7 cm x 21,0 cm, ISBN: 978-3-86241-514-4.


Scan: Bernd Kittendorf (info@bernd-kittendorf.de)
Homepage: www.bernd-kittendorf.de



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